Sonntag, 2. Mai 2021

 

Wenn diese schweigen,
so werden die Steine schreien

Lk 19,40

 

Weil in den langen Monaten der Pandemie bei den Leuten kein gutes Wort über das Leben mehr zu hören war, weil es kein Gotteslob mehr unter den Menschen gab, beschlossen die Steine ihre Stimmen zu erheben: „Das müssen wir jetzt tun“, riefen sie, „sonst vergeht diese Welt und alles Gute mit ihr“. Und sie begannen jeder auf seine Art: Der Sand knirschte mit seinen Milliarde feinen Steinchen, die alten Felsen kreischten und liessen den Wind in ihren Spalten pfeifen, die Kieselsteine klackerten, das Geröll schrammte in Dissonanzen. „Es muss eine Ausnahme bleiben“, sagten die Steine.

Kein Gotteslob in dieser Zeit. Ist das so? Ein erster Blick in die sozialen Medien scheint dies zu bestätigen. Was für eine Aufgeregtheit da herrscht! Man hört einander nicht zu, versteht nichts von der Sache und kommentiert empört drauflos. Und dennoch, beim Betrachten von Fotos oder kurzen Beiträgen auf dem kleinen Bildschirm staune ich manchmal auch und lasse mich einladen, innezuhalten und teilzuhaben an glücklichen Augenblicken. Das Angesicht eines lachenden Menschen, der Dank an einen spontanen Helfer oder die Geschichte einer selbstlosen Pflege, Eindrücke aus der Natur, atemberaubende Fotos vom Meer, dem Strand, Watt und Himmel, Moor und Wald; sie alle erzählen von Glücksmomenten, Glaubensmomenten, Festigkeits- und Harmoniemomente auch und gerade in der Pandemie. Die Leute vergewissern sich dessen, was sie trägt und wer ihr Leben hält. Ein Bild kommt mir immer wieder in den Sinn. Es zeigt einen jungen Mann mit freien Oberkörper, der ein gerade geborenes Kind in den Armen hält und es zärtlich an sich drückt. “Heute glaube ich an Gott“ ist das Bild unterschrieben.

So geht Gotteslob. Oft sind es kurze Momente des Glücks, oder der tiefen Einsicht, ich bin nicht allein, unter allem Schlimmen hält mich die Hand Gottes. Und diese Momente des tiefen Durchatmens wollen geteilt werden, müssen sich aussprechen, sind zu viel, zu ergreifend für einen Menschen allein.

Es gibt eine kurze Erzählung im Lukasevangelium über die Freunde Jesu. Die Geschichte wird ein bisschen verdeckt von so vielem andern Schwerem, dem Einzug Jesu in Jerusalem, der Tempelreinigung und alles vor dem Hintergrund des drohenden Kreuzes auf Golgatha. Lukas erzählt, dass in all diesen Bedrängnissen die Jünger Jesu auf einmal anfingen “voll Freude Gott mit lauter Stimme zu loben“. Es ist als sähen sie für einen Augenblick durch alles Gegenwärtige hindurch auf den, wie es heißt, “Frieden im Himmel“, ihr Geborgensein bei Gott. Und dies teilen sie, wie damals üblich, durch lautes Rufen und Singen.

Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu Jesus: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! Jesus antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen, so werden die Steine schreien. Lk 19,40.

Ihr Pastor Ekkehard Heise, Mai 2021