Sonntag, 16. Mai 2021

 

„Ich hätte vor einem Jahr nie gedacht, dass Corona so eine Bombe werden würde“, sagte der Fahrradhändler. Er traute sich kaum aus dem Gehäuse, weil er nicht wusste, wen er in mir zum Gegenüber hatte. Einen der vielen Zeitgenossen, die nur noch genervt sind oder jemanden, mit dem man trotz der Misere noch ein freundliches Wort wechseln kann. Das Gespräch war eröffnet, vielleicht in bewährter Weise, und bot erst mal Raum für Frust, falls jemand den gerade zum Ausdruck bringen wollte. Die Menschen sind müde und wünschen sich Normalität zurück. Viele sind deprimiert, weil es mit dem Job nicht mehr läuft oder gar die eigene Existenz bedroht ist. Andere findet man dann wiederum auch, die in der Krise eine Chance sehen für einen Neubeginn, die gerade jetzt die Initiative ergreifen und kreativ werden. Hoffnung und Traurigkeit. Sie treffen jeden Tag aufeinander.

Jüngstens fand ich einen Text, den ich uns nicht vorenthalten möchte. Einen Text, in dem die Hoffnung und die Traurigkeit sich unterhalten.

Die Hoffnung und die Traurigkeit

Text nach: Beate Schulte, Diakonin, ev.-luth. LK Oldenburg

An einem schönen Frühlingstag machte sich die Hoffnung auf, um die Traurigkeit zu besuchen. Sie hatte gehört, dass sie trotz der Wärme und des Lichts und dem sich langsam regenden Leben in der Natur, nicht fröhlich werden konnte.

Die Hoffnung hatte gehofft, die Traurigkeit vielleicht in ihrem Garten anzutreffen, doch diese saß in einem Raum, der mit schweren Vorhängen verdunkelt war. Die Traurigkeit bemerkte die Hoffnung erst, als diese ihr mit einer hellen und klaren Stimme einen „Guten Tag!“ wünschte. Die Traurigkeit hielt den Kopf gesenkt, als sie auf den Gruß antwortete und fragte, was sie von ihr wolle? „Ich möchte dich zu einem Frühlings-Spaziergang abholen“, antwortete die Hoffnung. Die Traurigkeit blickte auf und trotz der Dunkelheit sah die Hoffnung den Ärger in den Augen der Traurigkeit. „Spazieren gehen? In diesen Zeiten?“ Die Traurigkeit schüttelte den Kopf. „Wie soll ich die Sonne und die Natur genießen, wo mein Herz voll Trauer und Schmerz ist? Geh nach Hause und lass mich in Ruhe trauern!“

Einen kurzen Augenblick war die Hoffnung versucht, der Traurigkeit recht zu geben und wieder zu gehen. Doch dann kamen ihr Zweifel. Hatte nicht auch sie gerade erst das ein oder andere erlebt, was sie belastet und unglücklich hatte werden lassen? Und war es nicht genauso schmerzhaft wie das, was die Traurigkeit durchgemacht hatte?

Nach einer längeren Zeit des Schweigens sagte die Hoffnung: „Vielleicht kannst du den Schmerz und die Trauer tiefer fühlen als ich. Und vielleicht ist es auch so, dass ich das Glück tiefer fühlen kann als du. Und vielleicht sehen wir beide auch ein bisschen einseitig auf das Leben. Ich frage mich allerdings, wer von uns beiden mehr lieben kann?“ Die Traurigkeit hob den Kopf und ein leichtes Lächeln erhellte ihr Gesicht. Dann stand sie auf und zog die schweren Vorhänge etwas zur Seite.

„Nun gut, dann lass uns ein paar Schritte zusammen gehen“, sagte die Traurigkeit. Und so machten sie einen ausgiebigen Spaziergang, die Hoffnung und die Traurigkeit. Sie gingen eine ganze Weile schweigend nebeneinanderher. Nach einiger Zeit begann die Hoffnung, ihr Lieblingslied zu summen und dann leise zu singen:

„Meine Hoffnung und meine Freude. Meine Stärke, mein Licht. Christus, meine Zuversicht. Auf dich vertrau ich und fürcht’ mich nicht. Auf dich vertrau ich und fürcht’ mich nicht.“

Die Traurigkeit hörte zunächst schweigend zu. Dann legte sie ihre Hand in die Hand der Hoffnung und sang leise mit: „Meine Hoffnung und meine Freude…“ Dann flüsterte die Traurigkeit der Hoffnung zu: „Das hat mir jetzt gutgetan. Vielen Dank!“

Auch in dieser nervigen Corona-Zeit ist Gott „mittenmang“ und nicht fernab. Er gibt uns nicht auf. Das kann uns die Kraft geben, auch uns selbst und die Welt nicht aufzugeben. Lasst uns die Hoffnung nicht aufgeben!

Ihre Pastorin Manuela Heise, Mai 2021